40 Jahre nach Tschernobyl - Erinnerungen einer Zeitzeugin
- andrea16064
- vor 3 Tagen
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Wir leben nicht nach Tschernobyl. Wir leben weiter mit Tschernobyl.
Ein persönlicher Bericht:

Deshalb möchte ich meine Erinnerungen teilen – an die Tragödie, die sich vor 40 Jahren ereignete. Ich erzähle, wie ich selbst sie erlebte, wie meine Freunde, unsere Kinder, deren Eltern und die gesamte Bevölkerung sie damals wahrnahmen.
Ich heiße Alla und arbeitete 1986 als Dolmetscherin in einem Chemiewerk in Mogiljow, einer Stadt etwa 250 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Das Werk stellte Polyesterfasern und -fäden her und war ein Gemeinschaftsprojekt mit einer deutschen Firma. Ich war für die Übersetzung von Gesprächen auf der Ebene der Geschäftsführung sowie der deutschen Bauleitung zuständig und stand daher im direkten Kontakt mit den deutschen Fachkräften, die an der Inbetriebnahme beteiligt waren.
Am Tag der Reaktorexplosion war ich zwar nicht in Tschernobyl, aber ich habe alles sehr intensiv miterlebt. Die Entfernung von 250 Kilometern war angesichts der Ausmaße dieser Katastrophe bedeutungslos. Der radioaktive Fallout wurde durch die Windverhältnisse bis nach Schweden getragen. Auch Mogiljow war betroffen.
Einige meiner Freunde, ärztliches Personal, wurden direkt nach dem Unglück in die kontaminierte Zone entsandt, um Kinder und Erwachsene zu untersuchen. Was sie erzählten, war schockierend. Die Auswirkungen auf die Gesundheit, vor allem bei Kindern, waren erschütternd.
Der 26. April 1986

Es war ein sonniger Samstag. Ungewöhnlich warm für Ende April. Viele Menschen arbeiteten auf ihren Datschas, in den Gärten. Die Perestroika war in vollem Gange und wir verfolgten täglich die Nachrichten. An jenem Abend hörten wir beiläufig von einer "Havarie" im Kernkraftwerk Tschernobyl. Kaum jemand wusste, wo das lag. Für uns war es eine Randnotiz, wie so viele zuvor aus fernen Teilen der Sowjetunion.
Montag, 27. April 1986 Am Montag wurde ich von der deutschen Bauleitung angerufen. Ob ich von der Explosion des Reaktors in Tschernobyl gehört habe? "Ja", antwortete ich, "aber das ist doch 250 km entfernt". Ich glaubte der offiziellen Darstellung, dass es sich um einen geringfügigen Zwischenfall handelte.
Die deutschen Kollegen waren alarmiert. Schon früh am Morgen hatten die Strahlenmessgeräte in den Produktionshallen unseres Werkes Alarm geschlagen. Die Zeiger standen am Anschlag, die Geräte fielen aus. Das deutsche Unternehmen hatte über Schweden von dem Reaktorunfall erfahren und ihre Mitarbeiter gewarnt.
Der deutsche Bauleiter bat dringend um Zugriff auf die Messgeräte, um die Strahlung eigenständig zu messen. Doch von den sowjetischen Behörden war striktes Stillschweigen angeordnet worden. Keine Auskünfte, keine Freigabe von Technik, keine öffentlichen Warnungen.
Der Bauleiter stellte ein Ultimatum: Wenn bis Mittag keine Geräte zur Verfügung stünden, werde er das deutsche Personal evakuieren. Und er meinte es ernst. Viele der deutschen Fachleute lebten mit ihren Familien in Mogiljow. Der Druck war groß.

Am selben Tag wurden Busse organisiert, zuerst für die Frauen und Kinder, später für das technische Personal. Die deutsche Firma hatte ein Flugzeug bereitgestellt, das in Minsk auf sie wartete. In der Stadt verbreitete sich Unruhe. Das Hotel, in dem die Deutschen untergebracht waren, wurde zum Zentrum des Geschehens. Die Einheimischen verstanden nicht, was da vor sich ging. Die Busse wurden schließlich freigegeben, doch für viele war das der erste Hinweis darauf, dass etwas Gravierendes passiert sein musste.
Die Inbetriebnahme unseres Werkes wurde gestoppt. Was für die deutschen Kollegen eine klare Gefahrensituation war, erschien uns fast surreal. Wir konnten uns die Tragweite schlicht nicht vorstellen.
Stillschweigen und Verdrängung

Am 1. Mai fanden wie gewohnt die Paraden statt. Auch ich nahm teil. Viele kamen mit ihren Kindern. Das Wetter war schön, die Stimmung ausgelassen. Niemand warnte uns. Niemand sagte die Wahrheit.
Gleichzeitig begann in der Stadt Prypjat, wo die Mitarbeitenden des Kernkraftwerkes von Tschernobyl wohnten, die Evakuierung. 47.000 Einwohner, davon 17.000 Kinder, mussten ihre Wohnungen verlassen – ohne zu wissen, dass sie nie zurückkehren würden. Man sagte ihnen, sie sollten nur für drei Tage verreisen. Sie durften kaum etwas mitnehmen.
Die meisten Kinder wurden getrennt von ihren Eltern auf die Krim geschickt. Dort setzte man sie arglos der Sonne aus – eine fatale Entscheidung, da sich dadurch die Strahlenbelastung noch verstärkte.
Die Helden von Tschernobyl

Auf dem Dach des explodierten Reaktors arbeiteten junge Soldaten, Feuerwehrleute, Kraftwerksmitarbeiter. Ohne Schutz, oft nur mit Masken. Sie wussten nicht, dass sie in wenigen Tagen an der Strahlenkrankheit sterben würden.
Ärzte berichten: "Sie verbrannten innerlich, wurden stündlich schwächer, bis sie einfach verschwanden."
So entstand ein neues Wort: Liquidatoren.
Wir erfuhren davon erst Jahre später. Auch, dass der radioaktive Fallout 15 Hiroshima-Bomben entsprach. Kinder hätten Jodtabletten bekommen müssen. Doch das geschah nicht. Viele erkrankten an Schilddrüsenkrebs. Die verlorenen Dörfer

In Belarus waren 70 % der Fläche verseucht. Über eine Million Kinder lebten in den betroffenen Regionen. Ganze Dörfer wurden geräumt, ihre Häuser abgerissen oder vergraben.
„Ein großes Unglück ist meiner Heimat zuteil geworden,“ schrieb eine 15-jährige Schülerin. „Die Umsiedlung war für meine Familie eine Tragödie.“

In den Krankenhäusern lagen krebskranke Kinder, kahl vom Haarausfall, mit Schutzmasken gegen Infektionen. Ich war Augenzeugin vieler dieser Schicksale. Eltern standen hilflos neben den Betten ihrer Kinder.
Ein Mädchen schrieb in einem Aufsatz: "Ich möchte Ärztin werden, um Leben zu retten."
Die Ärzte waren an der Front. Sie arbeiteten in Kinderkliniken, in Notaufnahmen, in Tschernobyl selbst. Ein befreundeter Chefarzt sagte zu mir: "Wir hatten kaum Medikamente, keine Informationen, aber wir mussten handeln."
Die medizinische Katastrophe

Kinder mit Schilddrüsenkrebs, Erwachsene mit Leukämie. Die Ärzte wurden an den Wochenenden in Gruppen in die verstrahlte Zone geschickt – oft ohne Geigerzähler. Sie wussten nicht, welcher Strahlendosis sie selbst ausgesetzt waren.
Mit japanischer Hilfe wurde ein Diagnosezentrum in Mogiljow aufgebaut. Kinderärzte wurden zur Schulung nach Deutschland geschickt. In Minsk entstand ein modernes Kinderkrebszentrum.
Trotzdem herrschte in den ersten Jahren Chaos. Oft wurde zu spät reagiert. Die Menschen waren verzweifelt.
Die Folgen bis heute
Cäsium-137, Strontium-90 – Halbwertszeit über 30 Jahre. Noch immer gelangen sie über Nahrung und Wasser in unsere Körper. Die Kinder von damals sind heute Eltern. Ihre Kinder haben ein schwaches Immunsystem, leiden an genetischen Erkrankungen, Krebs, Diabetes.
Ich fahre manchmal durch die Sperrzone: leere Dörfer, eingestürzte Dächer, wild wuchernde Gärten. Eine bittere Mahnung.
Haben wir gelernt?

Ich bezweifle es. Noch immer gibt es Atomkraftwerke, und die Welt steht weiterhin vor großen Herausforderungen. Tschernobyl war eine Mahnung – eine, die wir nicht vergessen dürfen.
Ein 16-jähriger Schüler schrieb: „Man darf nicht Herr des Landes sein. Man muss sein dankbarer und aufmerksamer Sohn sein.“
Dem habe ich nichts hinzuzufügen.
Tschernobyl verjährt nicht. Es lebt in uns weiter – in unseren Körpern, in unseren Geschichten, in unserer Verantwortung.




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