Die Tschernobyl-Katastrophe

Am 26. April 1986 ereignete sich im Kernkraftwerk Tschernobyl nahe der Stadt Prypjat in der Ukraine (damals Sowjetunion) als Folge einer Kernschmelze eine Explosion im Kernreaktor Block 4. Sie gilt als die bisher schwerste nukleare Havarie und als eine der schlimmsten Umweltkatastrophen aller Zeiten.

 

Bei einem Versuch schaukelten sich grundlegende Mängel in der Konstruktion des Reaktors sowie Planungs- und Bedienungsfehler auf und bewirkten einen Super-GAU. Dabei wurden große Mengen radioaktiven Materials frei. Der Unfall führte bei einer nicht genau bekannten Zahl von Menschen zum Tod. Bei vielen Erkrankungen, auch der nachfolgenden Generation, wird die Strahlung als mögliche Ursache angesehen. Dazu kommen psychische, soziale, ökologische und ökonomische Schäden. Über die zu erwartenden Langzeitfolgen besteht seit Jahren ein Streit auch unter Wissenschaftlern. Die Versuchsreihe sollte anzeigen, dass auch bei abgeschaltetem Kraftwerk und gleichzeitigem Netzausfall über die Notstromaggregate noch genügend elektrische Energie zur Kühlung und Überwachung des Reaktors zur Verfügung steht. Wahrscheinlich durch Missverständnisse beim Schichtwechsel führten Bedienungsfehler um 1 Uhr 23 am 26.04.1986 zur Explosion. Durch die große Hitze wurden riesige Mengen radioaktiver Materie in die Umwelt und in große Höhen geschleudert und in einer radioaktiven Wolke zunächst in nordwestlicher Richtung hunderte und tausende Kilometer weit getragen, bevor sie der Regen aus der Atmosphäre wusch.

 

Es gilt heute als sicher, dass die sowjetischen Stellen durch Impfung der Wolken diese über dem Gebiet der weißrussischen Städte Gomel und Mogilew abregnen ließen, bevor sie eventuell Moskau erreichen konnten. Dieses hatte in dieser Region für den höchsten radioaktiven Fallout gesorgt. In der Folge wurde erhöhte radioaktive Strahlung bis in Schweden und in Süddeutschland gemessen. Eine zum Teil chaotische und andererseits bewusst verzögernde und bagatellisierende Informationspolitik führte dazu, dass erst am 29. April sowjetische Quellen von einer „Katastrophe“ und zwei (!) Todesopfern sprachen.

 

Mogilew liegt im Osten des Landes nahe der Grenze zu Russland. Mogilew ist die dritt größte Stadt Weißrusslands und eines der wichtigsten Wirtschafts- und Industriezentren. Der Bezirk Mogilew war eines der durch die Katastrophe in Tschernobyl 1986 am meisten betroffenen Gebiete. Rund ein Fünftel des Landes wurde schwerwiegend radioaktiv verseucht. Auch mehr als zwanzig Jahre später lebt immer noch rund eine Million Menschen in kontaminierten Gebieten. Mehr als 3600 Ortschaften, darunter 27 Städte, mit 2,2 Millionen Menschen waren und sind radioaktiv verseucht. Ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche ist verstrahlt. Besonders Caesium 137 mit einer Halbwertzeit (in dieser Zeitspanne halbiert sich die Strahlung) von 30 Jahren und Strontium 90 mit einer Halbwertzeit von 28 Jahren sorgen für hohe gesundheitliche und wirtschaftliche Belastungen.

 

Die Folgen der Atom-Katastrophe sind bis heute nicht überwunden und werden die Menschheit auch noch Jahrzehnte beschäftigen.

 

Krankheiten dramatisch angestiegen

 

In Belarus waren bereits Ende 1990 über dreißigmal mehr Kinder neu an Schilddrüsenkrebs erkrankt als vor der Katastrophe. Die überwiegende Zahl der betroffenen Kinder war zum Zeitpunkt des Unfalls jünger als sechs, mehr als die Hälfte jünger als vier Jahre. Im Jahr 1995 erreichte die Rate der neu an Schilddrüsenkrebs erkrankten Kinder zwischen 0 und 14 Jahren in Belarus ihren Höchststand. Bereits frühzeitig hatte man das aggressive Wachstum und die rasche Metastasierungsneigung in andere Organe (vor allem in die Lunge) festgestellt. Die Gewebeuntersuchungen ergaben fast ausschließlich den Befund: papilläres Schilddrüsenkarzinom – ein bösartiger Schilddrüsentumor.

 

Die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe von Tschernobyl spiegeln sich nicht alleine in den vielen Fällen von Schilddrüsenkrebs wider. Massiv ist auch der Anstieg bei anderen Tumorarten und vielen nicht bösartigen Erkrankungen. Der größte Anstieg bei Krebserkrankungen ist genau in denjenigen Landkreisen aufgetreten, die am stärksten strahlenbelastet sind. Männer erkranken dabei am häufigsten an Tumoren in Lunge, Magen, Haut und Prostata. Bei den Frauen sind es vor allem Tumoren von Brust, Gebärmutter, Magen und Haut.

 

Dramatisch ist auch der Anstieg von Leukämiefällen: Er liegt, im Vergleich zum Zeitraum vor der Explosion des Reaktors, bei etwa 50 Prozent. Und das sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen.

 

Schon kurz nach dem GAU fiel in der Ukraine eine starke Zunahme von Pathologien auf, die mit der Fortpflanzung des Menschen zusammenhängen. In einem Bericht über die Entwicklung des Gesundheitswesens von 1986 bis 1988 wies das ukrainische Gesundheitsministerium auf den deutlichen Geburtenrückgang, die erhöhte Rate an Schwangerschaftsunterbrechungen und auf die erhöhte Anzahl verschiedener Gesundheitsstörungen bei Föten und Schwangeren hin.

 

Deutlich zugenommen haben allgemeine Schilddrüsenerkrankungen, Jugenddiabetes, Herz- und Kreislauferkrankungen sowie Augenerkrankungen, und da insbesondere der graue Star.

 

Anstieg von Schilddrüsenkrebs in Belarus 1976 bis 2004

Quelle: Nationales Schilddrüsenzentrum Belarus und Otto Hug Strahleninstitut- MHM

 

 



Karte Strahlenbelastung